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Züricher Oberländer/Anzeiger von Uster, 25. Oktober 2010 (Sandra Weber) Zwei männliche Hommagen an den Zirkus Poetisches Erzähltheater und eine schräge Artistenshow: Mit Stephan Dietrich und Finn Jagd Andersen begeisterten komplett unterschiedliche Darsteller ihr Publikum. Leintücher, Hemden, Unterhosen: Die Manege des Filacro-Zelts hängt voller Wäsche. Das ist keine neue Kunstinstallation, das sind Requisiten für Stephan Dietrichs Koffergeschichte «Ankerstrass 9». So heisst die neue Adresse des Fotografen Jérôme Luisier, ein Mehrfamilienhaus, wie man es in der Schweiz überall findet. Seine Bewohner, Italienerfamilie Bianchi, das bärbeissige Hauswartpaar Rüetschi, Frau Grieder mit ihren inkontinenten Dackeln, Alleinunterhalter Bongo und ein gewisser Mr. Rogers, treten nach und nach ins Leben des Fotografen, dient doch sein Wohnzimmer als Wäscheraum für das ganze Haus: Abwart Rüetschi hat den Estrich mit seiner Modelleisenbahn in Beschlag genommen. Vielzahl von Rollen Die Mitglieder der zusammengewürfelten Hausgemeinschaft erzählen ihm von nachbarschaftlichem Zwist, aber auch von ihren Sorgen und Nöten. Die Geschichte nimmt eine unerwartet ernste Wendung, als sich die zerstrittenen Bewohner plötzlich mit Frauenhandel und Prostitution konfrontiert sehen. Nur vereint kann es ihnen gelingen, den Verbrechern das Handwerk zu legen. Gekonnt übernimmt Stephan Dietrich diese Vielzahl an Rollen, mit viel Humor und nur wenigen Requisiten. Ob Ostschweizer Dialekt, moldawischer Akzent oder italo-gefärbtes Schweizerdeutsch: Der 55-jährige Schauspieler beherrscht alle Varianten unserer Mundart. Immer wieder nimmt er sowohl Italianità als auch Schweizer Spiessbürgerlichkeit aufs Korn, doch wirkt das Spiel mit Klischees nie billig. Angereichert wird das Erzähltheater mit Zaubertricks und Überraschungen aus dem Koffer. Als besonderer Höhepunkt wird das Publikum gar mit einer Pyromantik-Show en miniature in Entzücken versetzt. Eine Art Solo-Zirkus Ein etwas anderes, aber nicht weniger vergnügliches Spektakel bietet der dänische Artist Finn Jagd Andersen nach der Pause. Er verkörpert in seiner Solo-Show «Zirkus Gonzo» gleich eine ganze Zirkusmannschaft. Dabei zeigt der Künstler, den Ustermer vielleicht vom «Silent Circus» kennen, sein artistisches Können nicht nur mit atemberaubenden Shows an Vertikaltuch, Seil und Trapez, sondern beweist auch komisches Talent. Etwa wenn er mit wildem Augenrollen und anderen Grimassen aus dem simplen Umkleide-Akt einen Showblock macht. Viel Gelächter erntet er auch mit der Publikums-Assistentin, die seine Handstand-Nummer mit Trommelwirbel begleiten soll. Erheiterung weckt insbesondere das Instrument: Mit einem Milchschäumer soll die Assistentin das Schlagzeug betätigen. Finn Andersen gelingt mit «Zirkus Gonzo» eine unterhaltsame, liebevolle Hommage an den Zirkus aus vergangenen Zeiten. Zwei Männer, zwei Shows, eine Gemeinsamkeit: beide brachten das Publikum zum Staunen, Lachen und Träumen. Was wünscht man(n) sich mehr? |
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